Sogenannte “Kavaliersdelikte” wie Falschparken oder geringfügige Tempoüberschreitungen werden heute per Strafbefehl geahndet. Die Zahl der Verfahren hat im Laufe der letzten Jahre jedoch derart zugenommen, dass die Staatsanwaltschaften mit dem Abarbeiten der Vorgänge kaum nachkommen. Alleine im Bereich Verkehr gibt es pro Jahr Millionen von Vergehen, von denen die meisten nicht per Gerichtsprozess, sondern durch die Zustellung eines Strafbefehls erledigt werden. Auch im Kanton Bern erhalten Verkehrssünder eine amtliche Mitteilung, in der das Strafmaß verkündet wird.

Im Schweizer Strafrecht spielt der Strafbefehl seit jeher eine große Rolle. Die dahinterstehende Überlegung ist, Strafverfahren so weit wie möglich zu verkürzen und die Gerichte zu entlasten. Zudem fallen die Verfahrenskosten niedriger aus, da nur die Staatsanwaltschaft in den Vorgang involviert ist. Bereits vor dem Inkrafttreten der vereinheitlichten Strafprozessordnung 2011 wurden mehr als 90 Prozent aller Verfahren per Strafbefehl erledigt. Im Zuge der Reform wurde der Anwendungsbereich deutlich erweitert, sodass nun über 95 Prozent aller in der Schweiz begangenen Straftaten mit einem Strafbefehl geahndet werden können.

Ein weiterer Vorteil, den die neue Strafprozessordnung bietet, ist die Vereinheitlichung der Verfahrenserledigung. Massendelikte werden heute in jedem Kanton nach denselben gesetzlichen Vorgaben abgewickelt. Zudem erwarten die Verurteilten ähnliche Sanktionen. Als Richtschnur dienen die Strafmaßempfehlungen der Staatsanwälte-Konferenz, deren Präsident Rolf Grädel einer der bekanntesten Befürworter der neuen Regelung ist.

Der Pendenzenberg wächst immer weiter an

Im Kanton Bern gab es Ende 2011 eine Änderung des Personenbeförderungsgesetzes, die eine strengere Behandlung von Schwarzfahrern zum Ziel hatte. Aus diesem Grund gingen im Jahr 2013 rund 9.400 Strafanzeigen mehr ein als im Vorjahr. Aufgrund der fehlenden personellen Ressourcen sehen sich die Behörden jedoch außerstande, diesen Mehraufwand zu leisten. Die Konsequenz: Ende des Jahres waren noch rund 19.000 Strafbefehle hängig. Damit entgehen dem Kanton Einnahmen in mittlerer einstelliger Millionenhöhe.

Der Strafbefehl hat eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz

Rechtlich gesehen ist ein Strafbefehl nichts weiter als ein Angebot der Staatsanwaltschaft an den Beschuldigten. Nach Erhalt des Befehls hat dieser zehn Tage Zeit, Einspruch zu erheben. Dennoch akzeptieren die weitaus meisten Menschen die vorgeschlagene Strafe: Im Kanton Bern landet nur einer von 100 Strafbefehlen auf dem Tisch des zuständigen Richters.

Die hohe Akzeptanz des Strafbefehls liegt unter anderem darin begründet, dass das Zustellen eines Bescheides ungleich diskreter ist als ein Prozess, der in einem öffentlichen Gerichtsgebäude stattfindet. Gerade Prominente schätzen daher die Möglichkeit des abgekürzten Strafverfahrens. Die Boulevardpresse ist dafür bekannt, selbst kleinere Fehltritte so aufzubauschen, dass das Ansehen des Beschuldigten erheblich leidet. Durch die Annahme des Strafbefehls entgeht man einem peinlichen Gerichtsverfahren, dem prinzipiell jeder Schweizer Bürger beiwohnen kann.